German Open in Magdeburg 2017


(10.-12. November 2017)



Berlin Hauptbahnhof am frühen Morgen. Es ist noch dunkel. Ganz oben, unter der Kuppel, ist noch nicht viel los. Eine kleine Traube Menschen bildet sich an der Rolltreppe von Gleis 13. Entgegen der Verheißung der 13, sind von der Südostsechs auch alle fünf wie erwartet pünktlich. Sogar überpünktlich, was angesichts der Temperaturen gar nicht mal so nötig gewesen wäre. Bei nettem Small-Talk warten wir auf den Zug nach Norddeich, den wir aber hoffen, schon in Magdeburg wieder verlassen zu dürfen. Sogar die deutsche Bahn ist an diesem Tag unserer Seite und fährt auf die Minute ein. Wir sind immer noch zu fünft, richtig Unruhe kommt bei uns aber trotzdem nicht auf. Man kennt seine Pappenheimer ja. Der Zug fährt los, kurz vor Wannsee klingelt Ulf's Handy. Unser sechste Mann ist an einer anderen Stelle des Gleises noch in letzter Sekunde in den Zug gesprungen. Wir sind also komplett. Während der 90-minütigen Zugfahrt erstellen wir einen ersten Schlachtplan für den vor uns liegenden Tag und machen den ein oder anderen mit der Bedienung seines Smartphones vertraut.

In Magdeburg angekommen, lassen wir uns dann von Google-Map's - welchem Ulf seine Stimme leiht – zum gebuchten Hotel lotsen. Dies liegt mitten an Magdeburgs Domplatz und ist in eine sehr feudale Hülle gebaut. Beim Check-in erfahren wir, dass das Hotel zur Zeit ausgebucht ist, was uns zum Glück nicht tangiert, da Reiseleiter Ulf unsere Übernachtung dem Hotel schon vor Monaten ankündigte. Während Thorsten und Ulf die Nacht lieber ohne Vereinskollegen verbringen möchten, teilt sich der Rest von uns auf zwei Doppelzimmer auf. Wir entscheiden uns für die bewährte Paarung von Wladi und Lenjin (unser unzertrennliches, dynamisches Duo) als Bewohner von Doppelherzzimmer 231. Ich entschließe mich für zwei Nächte mit unserem Präsidenten und buche Ovaloffice Nr. 230.

Schnell die Taschen ins Zimmer geschmissen, geht es zurück zum Sammelpunkt in der Lobby. Die kurze Abstimmung über den gleich startenden Doppelwettbewerb oder eine Runde Stadtbummel, fällt ohne Gegenstimme für den Stadtbummel aus. Zuerst besichtigen wir den Domplatz samt Dom. Leider ist und bleibt dieser, trotz mehrmaliger, hartnäckiger Umrundung eines einzelnen Mitglieds der Reisegruppe, fest verschlossen. Nächste Station ist das Hundertwasser-Haus auf der anderen Seite des Platzes. In dezentem Quietschrosa (nebst goldenen Kuppeln) gehalten, besticht es vor allem durch die Abwesenheit rechter Winkel. Lichtinstallationen im Freien, das Liebfrauen-Kunstmuseum und ein offenes Atelier, all das gibt es für uns in direkter Nachbarschaft zu bestaunen. Nachdem unser Kunstdurst fürs erste gestillt ist, führt uns der sich ausbreitende, ganz und gar unkünstliche, Hunger ins Shopping-Center Magdeburgs. Das "Allee-Center" wird geentert. Im Food-Court angekommen, sondieren wir kurz das Angebot. Es gibt wirklich für jeden Geschmack etwas. Zur Einstimmung auf die bevorstehenden Finaltage in der GETEC-Arena, entscheiden wir uns im Kollektiv für asiatisch. Die Erwartungen an ein Asiabistro in einer Shopping-Mall sind ja für gewöhnlich nicht himmelreichend. Hier wurden wir aber tatsächlich allesamt sehr positiv überrascht. Genau wie die Asiaten im Teilnehmerfeld der German-Open, konnten auch ihre Kollegen aus der Kochzunft mit der Kelle umgehen. Lecker!

Frisch gestärkt bewaffneten wir uns schnell noch mit ein paar Wasserflaschen für die Halle und erwarben ein paar Mützen um dem böigen Magdeburg zu trotzen. Danach machten uns auf zur benachbarten Straßenbahnhaltestelle. 2,4 Kilometer später standen wir vor der GETEC-Arena. Früher, als die Arena noch die gute alte Bördelandhalle war, boxte hier Regina Halmich vor begeisterten Fans. Heutzutage kann man Namensrechte wohl nicht schnell genug verschachern. Naja, was GETEC ist oder macht, wusste von uns keiner. Wir haben es irgendwann mal gegooglet. Energiekonzern. Nun ja, immerhin heißt es nicht AfD-Dome, man muss auch die kleinen Erfolge feiern können. Vor der Halle hieß es dann erstmal Stopp für alle Rucksackträger. Aufgrund der derzeitigen "Bedrohungslage", dürfen keine Taschen oder Rucksäcke mit in die Halle genommen werden. Merkwürdige Zeiten. Drin sehen wir gerade noch die letzten deutschen Damen das Turnier verlassen. Und das schon am Freitagabend. Sehr schade. Unter den vielen mitreißenden Spielen im Herrenfeld sehen wir auch gleich das beste Spiel des gesamten Turniers. Chuang Chi Yuan aus Taiwan, gegen den modernen deutschen Abwehrer Ruwen Filus. Der Mund will gar nicht mehr zugehen bei uns. Ein Wahnsinnsballwechsel jagt den nächsten. Beide Spieler agieren bis in die Verlängerung des 7. Satzes auf Augenhöge. Ruwen erspielt sich sogar drei Matchbälle, die er leider allesamt nicht verwerten kann. Chuang nutzt bei 12:11 gleich seinen ersten, was seinen Kontrahenten zu einem beindruckend hohen Schlägerwurf inspiriert. Wer einmal wissen möchte, was moderne Abwehr ist, der sollte sich 25 Minuten Zeit nehmen und auf diesen Link zum Spiel klicken.

Auf dem Rückweg bekommen wir in der Straßenbahn noch einen Ausgehtipp von einem Einheimischen, den wir dankbar annehmen. Als Hauptstädter sind wir in Sachen Zapfenstreich und Öffnungszeiten nämlich sehr verwöhnt. Nach halb Zehn noch einen Laden zu finden der einem was zu Essen serviert oder uns überhaupt noch einlässt, ist nämlich gar nicht so einfach wie man denken würde. So aber finden wir unseren Weg zum „The Fan“. Eine American Sportsbar in der fatalerweise geraucht wird. Das hatte uns der Tippgeber leider verschwiegen. Anscheinend werden die Gesetze in Magdeburg ein wenig offener gedeutet als in Berlin. Die Burger, die wir bekamen, waren jedenfalls ganz in Ordnung. Länger als diese plus Begleitgetränk hielten wir es aber aufgrund mangelnden Sauerstoffs nicht im The Fan aus. Einen Fan unter uns hat der Laden zwar gewonnen, eine Wiederholung am Folgeabend schlossen wir aber noch beim Hinausgehen aus. Kurzer Absacker in der Hotelbar und dann ab zum Heiern auf die Zimmer.

Am nächsten Morgen beim Frühstück stellen wir dann fest, dass Art dèco Möblierung am Abend in einer Barumgebung durchaus seinen Reiz haben kann, in einem ausgebuchten Hotel aber nichts im Frühstücksraum zu suchen hat. Kleine Tische, ausladende Sessel und Enge Enge Enge. Die Auswahl war dafür üppig und gut sortiert.

Laufen zur Straßenbahn und warten auf die "6". Erste Station "Zollhaus", zweite Station "Arenen" (wohl wissend um die Sponsoren Laufzeiten, wurde die Haltestelle nicht GETEC-Arena genannt..), alle aussteigen. Fünf Minuten zur Halle durch den Regen, Rucksäcke abgeben und Plätze finden. Am Samstag hatten wir fest zugeordnete Sitzplätze, was jedoch kein Nachteil war. Ulf hatte bei der Kartenzuteilung ein goldenes Händchen bewiesen. Wir saßen am Samstag exakt mittig. Vertikal wie horizontal. Sonntag nicht viel schlechter. Viele schöne Spiele bestaunen wir bis zur Mittagspause. Bei den Damen ist die Konkurrenz aus Asien diesmal mehr als dominant. Europas letzte Teilnehmerinnen werden am Samstag komplett aus dem Turnierraster geschossen.

Mittagspause. Zurück mit der Tram ins Allee-Center. Gleicher Asiate, gleiche Menüs. Kein Risiko, wir sind schließlich Gewohnheitstiere.

Die letzten Spiele des Abends haben es dann nochmal in sich. Während die Chinesen – bis auf ihren Topgesetzten – diesmal ein ungewohnt schwaches Bild abliefern, beindrucken "unsere Jungs" Timo und Dimitrij mit allerfeinstem Tischtennis und qualifizieren sich beide für den Finaltag, was der Stimmung in der Halle sichtlich gut tut.

Unseren Rückweg brechen wir in zwei Gruppen verteilt auf. Während die erste Gruppe sich völlig angstfrei in die Menschenkonserve Tram 6 quetscht, geht die zweite Gruppe es gemütlicher an und macht sich per pedes auf den Weg in die Innenstadt. Frische Luft und eine nächtliche Elbüberquerung entschädigen für aufkommenden Nieselregen. Der ursprüngliche Plan des gemeinsamen Besuches einer Sushi-Bar mit befreundeten Sportskameraden aus Ahrensburg fällt leider aus. Gruppe 1 hat das Scouting übernommen und informiert uns über die Küchenschließung im Restaurant. Es ist ja auch fast schon 22.00 Uhr. Verrückt. Da wir aber eh alle noch gesättigt genug sind, beschließen wir, den Abend direkt an der Hotelbar ausklingen zu lassen. Immerhin wissen wir von dieser, dass sie rund um die Uhr geöffnet hat. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil im nächtlichen Magdeburg. Kurz nach Eins ist das letzte Glas geleert und wir steuern die Matratzen an.

Nächster Tag. Gleiches Frühstück, gleiches Problem. Wieder sitzen und stehen wir verteilt im Weg rum bis alle was abbekommen haben. Kurzer Check Out und auf in die Halle. Diesmal umgekehrt. Die Läufer von gestern fahren Straßenbahn, der Tramgruppe geht auf Wanderschaft.

Das erste Spiel des Tages ist dann auch gleich das Beste. Der topgesetzte Weltranglistenzweite gegen die Nr. 4 der Welt: Dimitrij Ovtcharov. Was für ein Wahnsinnspiel von beiden. Hochgeschwindigkeitstischtennis 2.0. In Serie werden Vor- und Rückhandraketen gezündet und noch schneller retourniert. Dabei ist es erst 12 Uhr und der Ausrichter verfügt nach eigenem Bekunden über Schlüsselgewalt zur Halle… Wir müssen jedenfalls wieder einmal feststellen, dass wir am Anhalter Bahnhof irgendwie doch einer ganz anderen Sportart nachgehen. Sei's drum. Nachdem auch Timo Boll im zweiten Halbfinale seinen sichtlich nervösen Kontrahenten aus Südkorea ohne große Gegenwehr bezwang, kommt es also tatsächlich zu einem rein deutschen Finale. Sicherlich nur eine absolute Momentaufnahme im Welttischtennis, aber schön, da mal dabei gewesen zu sein.

Ovtcharov gewinnt das Ding am Ende verdient mit 4:2 und sichert sich damit den Podiumsplatz mit der besten Aussicht. Wir haben einen Zug zu erwischen und können leider nicht bis zur Siegerehrung warten. Leider verpassen wir unsere Tram und damit auch die Chance, unsere Koffer früh genug aus dem Hotel abzuholen. Wir lassen es also entspannt angehen. Am Magdeburger Hauptbahnhof gibt's ein letztes Abendmahl bei einem bekannten Burgerbrater dann auf zum Gleis. Hier wiederholt sich schon bekanntes. Ein Mitglied der Gruppe fehlt von jetzt auf gleich. Handy aus und keine Spur von ihm. Wir steigen trotzdem recht relaxed in den Zug ein und suchen uns im Oberdeck ein gemütliches Gruppenplätzchen. Fünf Minuten nachdem der Zug abgefahren ist, erreicht uns der erwartete Anruf. Man ist irgendwo am Ende noch reingesprungen und fragt wo wir sind. Kurze Zeit später wieder glücklich vereint lassen wir das Turnier bei Brötchen und Büchsenbier noch einmal Revue passieren. Spaß hat es auf jeden Fall gemacht und es waren sicherlich nicht die letzten gemeinsamen German-Open. Nächstes Jahr finden diese im März in Bremen statt. Der wohl besten Halle für solch eine Veranstaltung.

Meine Karten habe ich gestern schon bestellt ...



Es gibt Fotos vom Event und hier einen kleinen Film: